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Gewaltreduktion Opferschutzorientierte Täterarbeit – ein effektiver Ansatz im Gewaltschutz?!

25.11.2022
von Christian Koblmüller
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Gewaltprävention

Zu diesem Thema fand im Rahmen der 4. Maria Schwarz-Schlöglmann Lecture zum Gewaltschutz am 17. November 2022 an der JKU ein Vortrags- und Diskussionsabend mit am Gewaltschutz involvierten Referent*innen statt. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Institut für Legal Gender Studies der JKU sowie dem Frauenbüro der Stadt Linz und dem Gewaltschutzzentrum OÖ.

Wer war Maria Schwarz-Schlöglmann?

Maria Schwarz-Schlöglmann (1958–2018) ist Gründerin des Gewaltschutzzentrums OÖ und setzte sich unermüdlich für die Rechte von Frauen und Gewaltopfern ein. Sie sah den Kampf gegen häusliche Gewalt auch als Kampf für die Rechte der Frauen. Mit ihrem Engagement setzte Maria Schwarz-Schlöglmann Maßstäbe, die für Österreich und viele andere europäische Staaten zum Vorbild wurden. Mit wissenschaftlichen Vorträgen, praxisnahen Diskussionen und interdisziplinärem Austausch soll die Auseinandersetzung mit den Themen Gewalt und Opferschutz forciert werden.

Das 3. Gewaltschutzpaket (2019) legt fest, dass Gefährder*innen bzw. Gewalttäter*innen – meist sind es Männer – nach Anordnung eines Betretungs- und Annäherungsverbots eine Beratungsstelle für Gewaltprävention kontaktieren und an einer Gewaltpräventionsberatung teilnehmen müssen. Seit September 2021 haben Beratungsstellen für Gewaltprävention in Österreich den Auftrag einer opferschutzorientierten Täterarbeit. Im Rahmen der Lecture werden erste Praxiserfahrungen in Umsetzung der Neuregelung vorgestellt und diskutiert, wie unter Einbeziehung der Männlichkeitsforschung eine effektive und nachhaltige Gewaltprävention bewirkt werden kann.

Das Forum setzte sich aus: Dr. Erich Lehner, Psychoanalytiker und Männerforscher, DSA Josef Landerl, Leiter von Neustart OÖ sowie Mag. Eva Schuh, Geschäftsführerin des Gewaltschutzzentrums OÖ zusammen.

Ein besonderes Highlight war das Referat von Dr. Erich Lehner zum Thema „Gewalt eine Form Mann zu sein?“, die wir Ihnen auszugsweise hier wiedergeben ...

„Unter Gewalt/Aggression werden zumeist gerichtet oder intentionale Verhaltensweisen zusammengefasst, die andere schädigen (destruktiv, aversiv sind), wobei die Zuschreibung der Gewalt im Alltag vom Bezugssystem des Beurteilers sowie situativen und normativen Kriterien der Angemessenheit abhängt.“ (Schwind, Baumann 1990).

In der österreichischen Kriminalstatistik 2019 erreichen die Männer leider die unrühmlichen ersten Plätze in Verurteilungen bei Delikten gegen Leib und Leben (90,5 %), Mord (89,5 %), schwerer Körperverletzung (92,7 %), der Verletzung sexueller Integrität und Selbstbestimmung (96,9 %) und Vergewaltigung (100 %). Auch bei der Österreichischen Prävalenzstudie (weil viele Gewalthandlungen nie angezeigt werden) kommt klar heraus, dass die Haupttäter bei psychischer, körperlicher oder sexueller Gewalt, männlich sind. Gewalt steht also überproportional häufig im Zusammenhang mit Männlichkeit. „Die meisten Männer sind nicht gewalttätig – aber die meisten Gewalttäter sind Männer.“

Männer sind wettbewerbsorientiert. Pierre Bourdieu spricht von Partner-Gegnern. Daraus kann auch der Dominanzwille und damit die Gewaltbereitschaft abgeleitet werden.

Gewalthandeln ist daher kein Reiz-Reaktions-Schema. Gewalttätigkeit sind über die Lebensspanne erlernte Muster. Sie ist gesteuert und dient zum persönlichen Nutzen.

Als Ursachen der Gewalt werden individuelle Faktoren (soziale Faktoren wie Ich-schwache Personen, Kränkungen oder pathologische Personen) oder biographische Faktoren (wie Armut, Arbeitslosigkeit oder fehlender Bildungsabschluss) gesehen. Männliche Lebenswelten definiert Lehner als jene Rahmenbedingungen, die die Entwicklung subjektiver Gewalt-Doktrinen fördern. Während Frauen Aggression als zeitweiligen Kontrollverlust, verursacht von überwältigendem Druck und gefolgt von Schuldgefühlen betrachten, sehen Männer Aggression als Mittel, Kontrolle über andere Menschen auszuüben, wenn sie das Bedürfnis empfinden, Macht und Selbstwertgefühl zu erlangen. (Campbell 1995).

Als Mittel zur Gewaltreduktion arbeiten Elliott (2016), Scambor, Wojnicka und Bergmann (2013) folgende Konzepte heraus:

  • Das männliche Indentitätskonzept: Dieses schließt die Dominanz über Frauen und andere Männern aus und verwirklicht Qualitäten der Sorge.
  • Das politische Konzept, das Männer in sorgender Tätigkeit stärkt (Sorge für andere, für sich selbst, für die Umwelt)
  • Ein komplexer Mix von Interventionen auf Mikro-, Meso- und Makroebene:
    • Buben-, Burschen- und Männerarbeit (z. B. Hinterfragen traditioneller Männlichkeit, Einüben von Caring Masculinities = Variante von Männlichkeit, die aus der feministischen Fürsorgeethik abgeleitet wird, wie Aufmerksamkeit, Interdependenz, Mitverantwortung, Unterstützung oder Empathie, also ganz praktische Sorgetätigkeiten).
    • Halbe/Halbe in der Versorgung von Kindern, Alten, Kranken und Sterbenden,
    • Förderung des männlichen Engagements in der unbezahlten Arbeit/Versorgung von Familie, Förderung der weiblichen Berufstätigkeit
    • gesetzliche Regelungen und Kampagnen.

Holter arbeitet in einer Studie aus 2014 in den USA und in der EU heraus, dass Gleichstellung als unbezahlte Sorgearbeit in der Familie die Lebensqualität erhöht, das Risiko der Depression und des Suizids verringert, Gewalt reduziert und die Beziehungsqualität verbessert.

Das Video zum Forum mit allen Vorträgen: https://dorftv.at/video/41237