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Impfskepsis, evidenzbasierte Forschung, Verschwörungstheorien & Co. – Der Umgang mit unterschiedlichen Standpunkten

28.04.2022
von Dominik Buchmeier
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Gewaltprävention
Persönlichkeitsstärkung

Der Physiker Holm Gero Hümmler und die Psychologin Ulrike Schiesser beschäftigen sich in ihrem Buch „Fakt und Vorurteil – Kommunikation mit Esoterikern, Fanatikern und Verschwörungsgläubigen“ primär mit uns Menschen, wie wir denken, uns die Welt erschließen, in welche Konflikte wir mit anderen geraten und wie wir diese konstruktiv austragen können. Eine Buchempfehlung.

Das Thema ist brandaktuell und beschäftigt uns in vielen Lebensbereichen, in Arbeit, Schule, in der Familie und unter Freunden, in Internetforen, bei politischen Debatten, etc. Eindrucksvoll zeigen fiktive Fallbeispiele, wie Konflikte aufgrund unterschiedlicher Standpunkte entstehen können: Eine Frau namens Sophie wird am Spielplatz mit homöopathischen Heilmethoden konfrontiert, soll in der Arbeit graphologische Gutachten der Unterschriften von Bewerber*innen in den Aufnahmeprozess miteinbeziehen und erlebt, dass ihre Mutter sich ausschließlich für alternativmedizinische und gegen konventionelle schulmedizinische Behandlungsmethoden entscheidet, die sie aufgrund einer schweren Erkrankung begonnen hat. Sophie begegnet all diesen Herausforderungen mit wissenschaftlicher Recherche und versucht faktenbasierte Überzeugungsarbeit zu leisten. Sie scheitert. Sie erlebt Unverständnis, Aggression und Ernüchterung.

An dieser Stelle beginnen viele Menschen wie Sophie ihr Gegenüber abzuwerten, eine Mauer aufzubauen und entledigen sich so der Grundlage gelingender zwischenmenschlicher Kommunikation. Die Gräben werden tiefer und der Konflikt neigt zur Eskalation.

Das Buch nennt hilfreiche Gesprächsgrundlagen wie die Anerkennung gemeinsamer Faktenbasis, die Bereitschaft zu einem Mindestmaß an Kooperation und das Einholen der Erfahrungen von Menschen nach Umdenkprozessen. In verschiedenen abgedruckten Interviews wird deutlich, was diesen Menschen das Umdenken erst ermöglicht hat, welche Bedingungen dafür erforderlich waren.

Zwischen den Zeilen kommt ein Appell an die Menschlichkeit zum Ausdruck, eine Aufforderung, sich – sofern es möglich ist – Menschen zuzuwenden und verstehen zu wollen, vor allem, wenn sie anders denken als man selbst. Unterschiedliche psychologische Erklärungsmodelle wie Pareidolie, Kognitive Dissonanz, Anekdotische Evidenz, Cognitive Biases usw. dienen nicht der Verurteilung und Abwertung, sondern dem Verständnis der Positionen unseres Gegenübers bzw. unser selbst. Sätze wie „Einen wirklich Gläubigen kannst du nicht überzeugen.“ verweisen auch auf die Grenzen der Überzeugungsarbeit und werden psychologisch fundiert.

In erster Linie fühlen wir, in zweiter Linie denken wir. (S.19)

Es wird deutlich, wie anstrengend die Konfrontation mit anderen Weltbildern werden kann, und wie naheliegend es ist, dass diese als persönlicher Angriff erlebt wird. Da Gefühle eine so große Rolle spielen, wäre es vermessen, das Festhalten am Glauben an wissenschaftlich nicht haltbare Weltanschauungen als „Dummheit“ oder „kognitives Defizit“ zu bewerten. Ulrike Schiesser formuliert es folgendermaßen: „Wenn wir uns am Ende einig sind, dass wir uns gegenseitig nicht überzeugen werden, aber mehr Verständnis für die Position des anderen haben und uns als Menschen respektieren, dann hat sich die Arbeit an diesem Buch gelohnt“.

Das Buch „Fakt und Vorurteil“ macht Mut, sich Andersdenkenden zuzuwenden und sich selbst dabei nicht aus dem Blick zu verlieren. Es gibt viele hilfreiche Hintergrundinformationen, zeigt Handlungsmöglichkeiten auf und fokussiert auch die Haltung, die gelingende zwischenmenschliche Kommunikation erfordert. Es leistet somit einen wertvollen Beitrag zur momentan stark geforderten konstruktiven Konfliktbewältigung.

Hümmler, Holm Gero und Schiesser, Ulrike: Fakt und Vorurteil. Kommunikation mit Esoterikern, Fanatikern und Verschwörungsgläubigen, Springer, Wien, 2021.

Das Team von hepi lädt Sie am 31.5. von 18:00 bis 20:30 zum Themenabend „Konflikte im Umgang mit unterschiedlichen Standpunkten“ ein. Es gibt einen fachlichen Input, die Möglichkeit zum Austausch, Erfahrungsberichte und zum Schluss eine Diskussionsrunde. Wir freuen uns über Ihre Teilnahme.

Anmeldung unter ncochepi.at