Artikel

„Ich mag nicht mehr“ - Überdruss und Lustlosigkeit als Begleiterscheinungen der Pandemie

10.02.2022
von Dominik Buchmeier
ArtikelNews
Existenzielle Pädagogik
Lehrer*innengesundheit
Persönlichkeitsstärkung
Resilienz

„Schön langsam reicht’s mir.“ „Ich hab‘ keine Lust mehr zu unterrichten.“ „Ich sehne mich danach, dass das alles endlich vorbei ist.“ Oftmals werden diese Aussagen und dergleichen mehr in Österreichs Konferenzzimmern getätigt und vernommen. Manche Lehrpersonen behalten sie für sich, manche teilen sie mit, manche haben noch genug Energie, sich stets auf sich verändernde Lebens- und Arbeitsbedingungen einzustellen, die eines gemeinsam haben: Sie sollen unsere Gesellschaft vor einem Virus schützen und verlangen als Preis grobe Einschränkungen unserer gewohnten Lebendigkeit.

Die Existenzanalyse (nach Alfried Längle, basierend auf der Arbeit von Viktor E. Frankl) ist eine Therapieform, bei der man die Bedingungen für ein erfülltes Leben zu erhellen versucht (vgl. Stumm, S. 236ff). Für dieses innere „Ja“ zum eigenen Leben bedarf es einiger Voraussetzungen, die auf der Auseinandersetzung des Menschen mit der Welt beruhen:

vgl. Längle, 2016, S.94ff.

Gerade die 2. Grundbedingung für existentiell erfüllendes Leben gestaltet sich momentan als große Herausforderung – wohl neben der ersten, die unseren Bedarf an Sicherheit repräsentiert.

In diesem Zusammenhang stellen sich die Fragen „Mag ich mein Leben? Bin ich berührt von dem, was mir wertvoll und wichtig ist? Gehe ich in Beziehung, nehme ich mir Zeit und gehe ich in die Nähe von Personen aber auch Tieren, Objekten und Themen, die in mir Wärme und Geborgenheit erzeugen?“ Falls wir durch „Social Distancing“, „Distance Learning“, das Tragen von Masken und ähnliche Maßnahmen das Gefühl bekommen, vom Leben wie abgeschnitten zu sein, besteht Handlungsbedarf. Wenn wir beginnen, es zu vermeiden, mit dem Leben „in Fühlung“ zu gehen, sei dies angenehm oder auch unangenehm, können sich depressive Symptome einschleichen: Antriebs- und Lustlosigkeit, Rückzug in die eigene Innenwelt, Gleichgültigkeit, gefühlloses Leisten oder auch Jammern, unterdrückte Wut oder gar Resignation und große Erschöpfung.

Es genügt dem Menschen nicht, einfach da zu sein; es ist in ihm ein angeborenes Verlangen, dieses Dasein subjektiv als gut zu erfahren, es genießen und sich an ihm erfreuen zu können. Denn Dasein läuft nicht mechanisch und gefühllos ab, sondern wird erlebt und erlitten. Lebendig zu sein heißt eben, zu weinen und zu lachen, Freude und Leid, Lust und Ekel zu empfinden, Angenehmes und Unangenehmes durchzumachen, Glück und Pech zu haben, auf Wert und Unwert zu stoßen (Längle, 2016, S. 104).

Auf das Mögen zu achten ist somit nicht etwa „Luxus“, sondern eine existentielle Grundbedingung des Lebens. Es ist erforderlich, Dinge nicht einfach „sein zu lassen“, sondern sich ihnen emotional zuzuwenden. Gerade bei Lebensumständen (Einschränkungen, Verlusten, Wertearmut, etc.), die Unlust erzeugen, wird die gefühlsmäßige Hinwendung zur Herausforderung. Trotzdem bzw. gerade deshalb ist es notwendig, sie zu vollziehen, sich - mit anderen Worten – in Form der Trauer Verlusten emotional zuzuwenden.

Was brauchen wir, um das zu schaffen?

Alfried Längle nennt als Voraussetzungen, um leben zu mögen: Beziehung, Zeit und Nähe.

Zu jemandem emotional eine Beziehung herstellen und dabei mit sich in Beziehung zu bleiben ermöglicht den Boden für die so wichtige Zuwendung. So kann das Leben „in Schwingung geraten“, somit bei der anderen Person und bei mir Resonanz erzeugen. Es ist wichtig, sich dafür Zeit zu nehmen, zu verweilen, sich einen (zeitlichen) Raum zu schaffen, in dem diese existentiell erforderliche Zuwendung stattfinden kann. Man braucht – wie bereits erwähnt – Räume, um sich Wertvollem aber auch Unwertem, Verlusten, etc. zuzuwenden. Ebenso brauchen wir emotionale Nähe, um uns vom Leben berühren zu lassen und auch andere zu berühren.

Die Existenzanalyse bietet als Therapieform sowie in Beratung und Coaching aber auch in Form der Existenziellen Pädagogik Unterstützung, den eigenen Zugang zu den existentiellen Grundbedingungen, zum eigenen „Ja“ zum Leben zu finden.

Quellen bzw. weiterführende Literatur:

  • Längle, Alfried und Bürgi, Dorothee: Existentielles Coaching, Facultas, Wien, 2014.
  • Längle, Alfried: Existenzanalyse, Facultas, Wien, 2016.
  • Längle, Alfried: Sinnvoll leben, Residenz Verlag, Wien, 2007.
  • Stumm, Gerhard (Hg.): Schulen und Methoden, Falter Verlag, Wien, 2011.