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NARZISSMUS EINMAL ANDERS ... Narzissmus als Professionalisierungschance im Lehrberuf

28.04.2022
von Hanna-Therese Schmitt
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Lehrer*innengesundheit
Persönlichkeitsstärkung

Selbstverliebt bewundert Narcissus, der griechische Jüngling, sein eigenes Spiegelbild im Wasser. Im Märchen Schneewittchen der Gebrüder Grimm betrachtet sich die Königin im ‚Spieglein, Spieglein an der Wand‘, der ihr tagtäglich vergewissert, sie sei die Schönste im ganzen Land. Beide Protagonist*innen verfallen ihrer Selbstliebe und benutzen ihr Gegenüber lediglich als Spiegelungsinstanz. Für beide geht das bekanntermaßen nicht gut aus.

Erzählungen wie diese, aber auch Freuds Psychoanalyse des 20. Jahrhunderts sowie die Sozialkritik der 70er Jahre, trugen zu dem westlichen Narrativ bei, dass Selbstliebe – im alltäglichen Sprachgebrauch gerne als ‚Narzissmus‘ bezeichnet – prinzipiell ein destruktives Unterfangen sei. Innerhalb der Schulforschung stößt der Terminus ‚Narzissmus‘ daher eher auf Ablehnung.  

Zwei aktuelle Beiträge aus dem Bereich der pädagogischen Psychologie verstehen Narzissmus aber anders. In den Beiträgen verliert Narzissmus seinen alten, verstaubten Anstrich. Die Beiträge betrachten Narzissmus aus einer modernen sozial-personellen Forschungsperspektive und verstehen ihn als funktionell-adaptive und unter Umständen höchst konstruktive Persönlichkeitsvariable, die Teil der conditio humana ist. Denn anhand narzisstischer Selbstregulierungsprozesse gelingt es Menschen, ein relativ positives Selbstbild im Sinne von Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit zu erschaffen bzw. zu erhalten. Dabei lassen sich unterschiedliche selbstregulative Prozesse entlang eines so genannten „Narzissmusspektrums“ (extrem – gesund – insuffizient) unterscheiden. Die Beiträge versuchen aufzuzeigen, dass das Narzissmusspektrum eine gewinnbringende Perspektive für den Kontext Schule sein kann, die sowohl neue Erklärungsansätze als auch Schulentwicklungsideen in Hinblick auf Lehrer*innengesundheit zulässt. Auf empirischer Basis wird aufgezeigt, dass ein gesunder Narzissmus bei Lehrer*innen berufliche Gratifikationskrisen und die damit verbundenen psychosomatischen Auswirkungen zu reduzieren imstande ist. Des Weiteren wird auf die interaktive Dynamik zwischen Lehrperson und Schüler*innen zur Aufrechterhaltung einer positiven Selbstwertbalance eingegangen.

Beitrag 1:https://journal.ph-noe.ac.at/index.php/resource/article/view/1053/1048

Schmitt, H.-T. (2022). Eine dynamisch-interaktionistische Analyse der Lehrer*innenpersönlichkeit: Narzissmus als Professionalisierungschance. Online Journal for Research and Education 17, 1-10.

Beitrag 2: https://econtent.hogrefe.com/doi/full/10.1024/1010-0652/a000333

Schmitt, H.-T. (2021). The narcissism spectrum and its effects on self-selection into the teaching profession and on the effort-reward imbalance. Zeitschrift für pädagogische Psychologie, 1-13. doi.org/10.1024/1010-0652/a000333